Aus dem Archiv: Hurra, Fussball! Hurra, Patriotismus!

Aus Anlaß der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die bekanntlich auf deutschem Boden ausgetragen wurde und für ein regelrechtes „Patriotismus“-Fieber in der BRD sorgte, schrieb Axel Reitz die nachfolgend wiedergegebene Polemik. Auch wenn der Artikel recht drastisch formuliert sein mag, zeichnet er dennoch ein treffendes Bild der Wirklichkeit in der real existierenden Bundesrepublik, das heute noch genauso aktuell ist wie vor 4 Jahren. – Die Redax

Endlich bekommt das brechreizerregende mediale Aufputschmittel für den ausgemergelten und von den Segnungen des Kapitalismus gebeutelten Bundesbürger „Du bist Deutschland“ Rückenwind!

Die Fussballweltmeisterschaft steht vor der Tür und überall keimt in ihrem Zuge die schwarz-rot-goldene Sumpfblüte des Patriotismus auf, gedeiht im Morast der bundesrepublikanischen Gesellschaft und durchseucht langsam und stetig sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens.

Das Telekomtrikot wird übergestreift, die BRD-fahne geschultert, die Paletten Pils aus dem Lidl gleich gallonenweise eingekauft und schon kann sie losgehen, die Fussballweltmeisterschaft auf deutschem Boden. Den durchschnittlichen BRD-Töffel freut es aus gar vielen Gründen.

Beispielsweise die zur WM in noch größerer Anzahl als ohnehin schon herumstromernden Ausländer werden zwar wie gehabt von ihren Gastgebern politisch korrekt voll „Entztücken und Freude“ als Bereicherung des gammeligen deutschen Alltages willkommen geheissen – diesmal allerdings nur als Gäste, die sich nach der Zelebration der sportlichen Aktivitäten wieder in ihr eigenes trostloses Stückchen Land auf der globalisierten Wüste namens Erde verdrücken und nicht wie sonst oftmals üblich, als neue Mitbürger zu Lasten der Allgemeinheit auf Lebenszeit auf die Liste der Hartz-IV-Empfänger gesetzt werden.

Freundliche grinsende Politiker, die ausnahmsweise mal nicht ihre wahnwitzige Debilität auf Kosten der Deppen ausleben, die sie in Amt und Würden gestimmt haben, von aufmerksamen Polizisten kontrollierte öffentliche Plätze, sichere Strassen, `nen Haufen Dixi-Klos, die bereits erwähnten Ausländer, die sich nach ein paar Tagen Aufenthalt -für den sie auch noch kräftig gelöhnt haben- wieder verdrücken, lustige Perücken in den bundesdeutschen Nationalfarben und als Sahnehäubchen noch die WM-Bahncard.

Mit der kann man sich zwar immer noch keine Fahrt mit der privatisierten und gar nicht mal so preisgünstigen Bahn in schönere Gefilde leisten, aber je besser die überbezahlten Aushilfsathleten der Nationalmannschaft kicken, desto näher kommt die Illusion aus eigener Finanzkraft heraus der traurigen Realität des heimeligen Doofhausen entfliehen zu können, was ja auch nicht schlecht ist, wenn man sich als durchschnittlicher Kleinstverdiener keine Wumme leisten kann um Amok zu laufen und daher auf die Kultivierung der eigenen Traumwelt angewiesen ist, um nicht durchzudrehen vor lauter Glückseligkeit in diesem, unserem Lande.

Ähnlich wie beim Karneval , der organisierten Pappnaserei, darf man zu WM-Zeiten sogar öffentlich ein Bier oder auch zwei süffeln ohne dafür von der stets herumflanierenden Schickeria der Eigenheimzulagenbesitzer als „Assi“ abgestempelt zu werden. Hinterm letzten Klärwerk der Nation noch stapfen BRD-Flaggen bewährte Horden „Deutschland“ gröhlend durch die Gegend, und kaum ein Kiosk, Dönerbude oder Pinte, die nicht eigene Übertragungen der „deutschen“ Spiele anzubieten haben.

Irgendwann ist im alkoholgeschwängertem Jubel und Trubel der Fussballnation BRD des Deutschen Kleinhirn so weichgekocht, dass er sich nicht scheut entgegen sonstiger Gepflogenheiten selbst mit Menschen gesellig zu sein, die unter alltäglichen Umständen in seinen Augen nicht mal dazu taugen, auf dem Pissoir die Kotze wegzuwischen. Aber während der Fussbalweltmeisterschaft lebt sie, die bi-ba-bundesrepublikanische Volxgemeinschaft und man ist endlich wieder wer, als Deutscher!

Schliesslich haben die obersten Hammelhirten der Nation dem abgestumpften Staatsvolk erst jüngst wieder erklärt, dass staatskonformer Patriotismus voll in Ordnung geht und nur Nationalismus böse, schlecht, furchtbar und gemein sei. Selbst wenn man Deutschland ohne einen der sonst üblicherweise abverlangten Zusätze wie „Schuld“ „Wiedergutmachung“ „Verbrechen“ oder „verrecke“ in den Mund nimmt gilt man nicht mehr als „Nazi“.

Endlich kann der gedemütigte von Geburt an zum Kriechen verdammte Deutsche England und allen anderen Nationen die Schmach der Niederlage des Zweiten Weltkrieges auf dem Fußballfeld heimzahlen! Hier kann der Bürger seinen Patriotismus mal offensiv ausleben und von anderen alkoholzusprechenden bierbäuchigen Trikotträgern umjubelt im anonymen schwarz-rot-gold Getümmel der heimeligen Kneipe „scheiss Inselaffen“ und andere hochgeistige, dem PISA-Durchschnitt würdige, Titulierungen unseren europäischen Nachbarn an die Rübe dattern, ohne sich dafür schlecht vorkommen zu müssen.

Was in sechzig Jahren demokratischer Erziehung an nationaler Souveränität und Selbstvertrauen eingebüsst wurde, holt er sich hier zurück, der patriotische Musterdemokrat – denn schliesslich handelt es sich ja um eine Frage größter nationaler Notwendigkeit, beim Fussball Flagge zu zeigen und seiner Mannschaft jubilierend beizustehen, in guten, wie in schlechten Zeiten! Beim Sport darf man solche Töne anschlagen, ganz im Gegensatz zum sonstigen Dasein in der Nation der Drückeberger und passionierten Canossagänger.

Während der fussballeigenen Hochzeit des Patriotismus, muss der Durchschnitts-Mittelschichtler keine Schelte vom Ortsvorsitzenden des kubanischen Taubenzüchtervereins befürchten, der `ne Bekannte bei der Kuba-Solidaritätsgruppe in der nächstgelegenen Großstadt hat, die einen beim firmeneigenen Betriebsrat anschwärzen und damit den für`s Endspiel dringend benötigten Urlaubstag gefährden könnte. Nee, hier kippen alle Deutschen quer durch die Bank gemeinsam ihr proletarisch als „Pennerglück“ bezeichnetes Bier hinter die Binde und freuen sich mit schwarz-rot-goldenem Papphütchen auf der Rübe, die Tristess des Deutschen Alltags vergessen zu können und sich in nationalen, pardon, in patriotischen Fussball-Siegesfantasien ergehen zu dürfen.

Freudig stimmt das von Kriminalität gepeinigte und geänstigte Staatsvolk auch das energische Durchgreifen der staatslenkenden Kaste, die das Problem der „angespannten Sicherheitslage“ der Nation dank WM und ausländischer Gäste endlich mal zu tangieren scheint. Ist ja auch klar, daß, wenn die Inhaber potentieller Wirtschaftsstandorte auf Deutschland glotzen müssen, die heimischen Politiker Angst haben in ein schlechtes Licht gerückt zu werden, welches es ihnen schwieriger macht beim nächsten Verhökern deutscher Interessen ordentlich die Marie abzugreifen, weshalb sie sich ganz besonders um die Sicherheit bemühen.

Nicht weil sie auf einmal das Leben der einzelnen Stimmviecher interessieren würde, iwo, sie haben einfach keinen Bock vor ihren nächsten Geldgebern als das dazustehen was sie sind: Nämlich als unfähige und gewissenlose Nichtskönner, die nur daran denken ihre persönlichen Interessen zu wahren. Normalerweise freuen sich die „Interessenvertreter“ der parlamentarischen Eierschaukelparadiese ein zweites Loch in den am Aufsichtsratsessel festgetackerten Allerwertesten, wenn einer vom blöden Staatsvolk das Zeitliche segnet, schliesslich ist das eine enorme Entlastung für die bereits geplünderten Kassen und um die Alterversorgung muss sich für den kürzlich aus dem iridischen Dasein Ausgetreten auch niemand mehr sorgen.

Nur bei der WM, da muss ganz besonders für Ruhe und Ordnung gesorgt werden und der Deutsche, der ist endlich wieder wer.

Schon was Dolles, so `ne WM auf deutschem Boden….

– Axel Reitz –

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